April 2018: Jan Tschicholds „Meisterbuch der Schrift“

Vor ein paar Jahren habe ich Jan Tschicholds „Meisterbuch der Schrift“ erworben. Lange hat es im Regal gestanden, denn viele der vertretenen Schriften interessierten mich nicht besonders. Es erschien mir ungleich schwerer eine Kapitalis zu schreiben als eine Fraktur, und heutige Schriften sind eben nicht mehr die gebrochenen. Was man täglich sieht, ist nicht spektakulär.
Aber Tschichold ging es eben um die Meisterschaft der Buchstabengestaltung: er selbst hat die Sabon geschnitten, die bis heute gern verwendet wird. Beim Lesen seiner oft harschen Beurteilungen von Schriftzügen, Logos und Hausinschriften musste ich oft sehr lachen: er kann kein diplomatischer Charakter gewesen sein! Sein Urteil ist oft vernichtend, kein gutes Haar lassend an falschen, hässlichen, ungestalten typografischen Verbrechen seiner Zeitgenossen, die sämtliche Handwerkskunst ihrer Vorgänger vergessen haben. Aber auch wenn ich manchen Verriss als zu drastisch empfand kann man aus seinen Beurteilungen viel lernen. Gestaltungsgrundsätze werden anhand von Beispielen bekannter Schriftzüge ausgezeichnet erläutert und nachvollziehbar.
Das Buch hat 235 Seiten in A4 Format; die theoretischen Erläuterungen enden schon auf Seite 48, dann beginnen die Schrifttafeln. Von den römischen Steinschriften über die Rustica, Unzialis und karolingische Minuskel, Palatinos Meisterwerke, die ersten Buchdruckerschriften, Cancelleresca, Schriften von Johann Neudörffer und vielen anderen Schreibmeistern der Jahrhunderte.
Tschichold war zweifellos ein großer Typograf, aber auch jeder Anfänger kann sich aus diesem Buch schöne Anregungen und Schriftvorlagen holen, und dazu typografisches Basiswissen und einen Blick für Proportionen und Buchstabenformen. Man bekommt es wohl nur noch gebraucht, aber wer sich intensiver mit der Schrift befassen möchte, dem sei es wärmstens zum Erwerb empfohlen.
Zum Schluss noch ein Zitat aus dem Buch: „Der Geschmack, der Gute Geschmack, kann nur durch das Studium der besten Beispiele entwickelt werden. Niemand kommt mit dem Guten Geschmack auf die Welt. Er ist immer ein Bildungsergebnis. Unerfahrene Leute können ihn nicht haben. […] Dieses Buch enthält eine sorgfältige, auf lebenslangem Studium beruhende Auswahl der besten Schriften unserer Kultur bis zur Gegenwart. […] Diese Schriften sollen sowohl den Gang der Schriftentwicklung nachweisen als auch den Sinn für die formale Schönheit von Buchstaben, Zeilen und Anordnungen bilden.“

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